Corona Files

Andi und Martin kämpfen gegen das Verschwinden an, so wird der private Corona-Schriftverkehr vollständig öffentlich gemacht.

Marathon-Lesung aller Files:
5. September 2020, ab 10 Uhr in der Galerie Freihausgasse Villach und als Online-Stream:
https://youtu.be/aq1eoVSFUwE

14122020-1847:M

Wo war ich stehengeblieben? Aja, Massentest. Wir waren dort, alle sehr freundlich usw (ähnliche Erfahrungsberichte kann man sich an vielen Stellen durchlesen, sie wiederholen sich). Stäbchen tat gar nicht weh, mein linkes Nasenloch war noch nie so sauber. Win-Win. Allerdings fehlten zu dem Massentest die Massen, nur ca. ein Drittel der Bevölkerung (oder weniger) ließen sich testen. Jetzt überlegt die Regierung für den nächsten Test (wahrscheinlich Anfang Jänner) ein Belohnungssystem. € 50,- für jedeN, der/die sich testen lässt. Das ist schon eine sehr schräge und auch sehr dekadente Idee. Damit man sich und vor allem andere schützt, bekommst man Geld. Wenn das Schule macht, dann bekommt man vielleicht auch Geld, wenn man sich dazu entschließt, jemanden doch nicht in die Fresse zu hauen oder den Kühlschrank doch nicht im Wald abzulagern. Das kann man sehr viel weiterspinnen, aber es bleibt schräg.
Sollte es tatsächlich Geld dafür geben, dass man sich testen lässt, werde ich es natürlich spenden, vielmehr noch: Ich werde mich am Ausgang der Teststation positionieren und dafür werben, das Geld zu spenden. Zum Beispiel für die Forschung oder für die Flüchtlinge in Moria, die ohne warme Duschen in einem überschwemmten Feldlager in unmenschlichen Zuständen ohne Anflug von Dekadenz dahinvegetieren müssen … und den meisten ist selbst das egal.

11122020-1022:M

In ca. eineinhalb Stunden wird mir ein in Schutzanzüge eingewickelter Mensch ein Stäbchen in die Nase rammen. Mal sehen was passiert. Ja, wir haben uns tatsächlich entschlossen, an den Massentests teilzunehmen, obwohl ich zuerst voll dagegen war, weil ich dachte: meinen Test sollten sie lieber im Altersheim einsetzen, damit die Leute ihre Familien sehen können. Aber wir machen das jetzt. 4 von 5 Duellers lassen sich heute, high noon, ein Stäbchen in die Nase stecken. Mal schauen, was da rauskommt (Die Großen gehen ja seit Mittwoch wieder in die Schule … aber das ist ein anderes Thema). Also obwohl diese Regierung mein höchstes Misstrauen hat und ich vor allem die vielen Verfehlungen sehe, folgen wir dem vorgeschlagenen Vorgehen der Regierung. Wenn ich jetzt weiterschreiben würde, könnte ich mich wieder in Rage schreiben. Aber, hey, es liegt immer noch Schnee.

03122020-1307:M

Ich bin immer so politisch, häng mich immer darauf auf, als ob es nichts Anderes gebe, als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Hey, es hat geschneit und alles um uns herum ist weiß. Ich habe heute schon 3 Stunden Schnee geschaufelt und gestern Nacht noch einen Gartenpavillion vorm Zusammenbruch gerettet. Meine Beine sind fast abgefroren, aber es ist so schön. Schnee!

03122020-1253:M

Gestern, ca. um diese Zeit gab es wieder eine Pressekonferenz, gefolgt von einer weiteren Pressekonferenz. Kennen wir ja schon, die vier Männer, die vor die Journalisten treten und verkünden, was sie jetzt erlauben und was sie verbieten. Nicht gewundert hat mich, dass Shopping – gerade vor Weihnachten – natürlich sehr hohe Priorität hat, also gehen die Einkaufstempel am Montag wieder auf, mit Polizeischutz, damit sich die Shopper und Shopperinnen nicht gegenseitig erschlagen oder anstecken. Räusper. Nicht gewundert hat mich, dass die Kultur weiter zu warten hat, bis ins nächste Jahr – vielleicht aber auch nicht, mal schauen, wie das Shopping so abläuft oder das Herumgondeln oder der Krampus und der Nikolo oder die Gottesdienste oder die Silvesterfeiern. Aber eigentlich ist das alles keine Sensation mehr, ich halte das eher chronologisch fest, damit man nicht vergisst, wer es besser machen hätte können, wer voll verantwortlich ist, oder wer es doch ganz gut gemacht hat. Dann werde ich alles zurück nehmen.

Am Abend gab es dann im ORF einen Runden Tisch ohne runden Tisch und ohne Vertreter der Regierung. Also saß dann die Opposition einsam herum und bekräftigte sich gegenseitig im Kreis, dass sie es eh immer schon gesagt haben (also Schulen auf zB), aber die Umsetzung jetzt nur so halbgut ist. Die fehlbesetzte Führung der SPÖ hatte zum Beispiel beizutragen, mit welcher Begeisterung ihre Tochter die Maske trage. Aber ich kann auch das ganze Gespräch gar nicht wiedergeben, weil ich irgendwann eingeschlafen bin.

01122020-2126:M

Weihnachten wird gerettet sein, das schöne traditionelle, das familiäre, das christliche, wo die Engerlinge die Glöckchen läuten und die Gaben vom Himmel herab bringen, wo man Lieder singt und die Geburt von Jesus feiert. So wie das halt all jene tun, die an Geister glauben und dieser rückständigen Ideologie noch Glauben schenken, all jene, die noch ans Christkind glauben. Weihnachten wird es geben und so reiben sich die Gottesmänner schon die Hände, weil es wieder Gläubige in ihre Arme treibt, egal ob da eine Pandemie die Kirchen umweht oder nicht. Die dürfen das, wenn alles zu ist, die Kirchentüren bleiben offen. Das Thema hatten wir ohnehin schonmal. Aber nicht nur die Kirchentüren bleiben offen, da kann geschehen was will, sondern nun – und jetzt komme ich endlich zum Punkt – auch die Wohnungstüren. Denn obwohl es den Lockdown gibt, obwohl es Ausgangsbeschränkungen gibt, obwohl so ziemlich alles, was Spaß macht, zugesperrt wurde, darf der Nikolo und auch der Krampus und auch die Helferleins der Beiden in ein paar Tagen von Haus zu Haus marschieren (wo sie halt eingelassen und erwünscht sind) und den Kindern ordentlich reinsagen, was sie im letzten Jahr richtig und was sie falsch gemacht haben. Wo kämen wir da hin, wenn dem alten weißen Mann dies abgesprochen würde?! – Vielleicht in einem liberalen, demokratischen Staat im 21. Jahrhundert.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass zumindest die unsäglichen Kreuze endlich aus den Schulklassen verschwinden sollten, danach kann man endlich mit der sauberen Trennung von Staat und Kirche anfangen und auch den Kirchen begreiflich machen, dass sie sich in einem demokratischen Staat an das zu halten hat, was Gesetz ist.

Nikolo, der alte Sack, mit seinem Knecht

01122020-1900:M

Na? Auch schon wieder in Shopping-Stimmung, richtig große Lust wieder Geld ausgeben zu können? Schon alle Weihnachtsgeschenke gecheckt? Und als nachhaltig denkender Bobo kommt für dich eine Bestellung bei Amazon nicht in Frage?
Dann komm doch ins Kaufhaus Österreich! Frisch gelauncht und für den Spottbetrag von 627.000 € erstellt kann man auf dieser E-Commerce-Plattform unkompliziert Produkte aus Österreich oder zumindest den österreichischen Handel unterstützen. Wobei, so unkompliziert ist es gar nicht, weder für die KundInnen noch für die HändlerInnen. Was soll man sagen, außer: 🤦‍♂️ Amazon ist es natürlich nicht, nicht mal annähernd, will es aber auch nicht sein, bis Mitte nächstes Jahr nimmt man sich aber noch Zeit, nachzudenken, was das nun genau werden soll, hätte werden sollen, hätte werden können. Also um 627.000 € hätte man zum Beispiel ein Tool programmieren können, die es jedem kleinen Händler möglich macht, einen Webshop inklusive einfachem Bezahldienst zu verwenden. Oder man hätte die einzelnen Händler unterstützen können (mit Schulungen, mit Beratungsgutscheinen, mit noch viel anderen Maßnahmen) ihr Businessangebot online zu bringen, oder auf eine der bestehenden lokalen oder nationalen Plattformen einzubinden. Stattdessen hat man ein Propagandainstrument (Ich sage nur: Die Fressen von Mahrer und Schramböck on- und offline) mit einem Namen geschaffen, der schon in den 80ern des letzten Jahrhunderts antiquiert geklungen hätte. Betreut von der Wirtschaftskammer, die sich nach den Verfehlungen dieses Jahres ohnehin neu erfinden sollte. Auch dafür hätte man die 627.000 € verwenden können, vielleicht mit dem Ziel tatsächlich „der Wirtschaft“ zu dienen.

30112020-2250:M

Aja, jetzt kommen ja bald die Massentests. Nein, nicht Maskentests, MASSENTESTS. Ganz Österreich soll virulogisch durchkartografiert werden. Ich werde nicht hingehen und fühle mich einerseits schlecht und andererseits gut dabei. Warum nicht? Weil ich finde, man sollte generell mehr testen, an Orten, wo es wirklich angebracht wäre, zum Beispiel bei Altersheimen, Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen oder auch in Schulen. Dafür sollten die Tests verwendet werden und nicht um eine Momentaufnahme zu machen, die es ermöglichen soll, dass man ein Foto von der Schipiste schicken kann. An mir – ziemlich isoliert – wäre der Test momentan wirklich eine Verschwendung.

30112020-2242:M

Jetzt soll die App wieder gepusht werden. Hast du sie installiert? Die Stopp Corona-App, deren Name schon wie ein hilfloser Versuch klingt, etwas mit ungeeigneten Mitteln abzuhalten. Ich habe sie installiert, dann wieder nicht, dann wieder doch, dann wieder nicht. Momentan hab ich sie jedoch auf meinem Smartphone und sie saugt mir jeden Tag den Akku gegen 17 Uhr leer. Bis jetzt kamen keine Warnungen, bis jetzt habe auch ich keine Warnung abgesetzt, nur mehrmals meine Symptome überprüft und schon mehrmals hat sie mich als Verdachtsfall eingestuft, allerdings ohne Konsequenz. In zwei Wochen soll diese App nun wieder mal upgedatet werden, ich hoffe, es geht in Richtung Gamification, damit tatsächlich mehr Leute die App installieren. Man könnte wie bei Pokemon Go bei seinem Gang durch die Straßen Viren bekämpfen, dann würde man sogar noch eine GPS-Spur hinterlassen. Oder man verbindet die App mit einem Gewinnspiel („Täglich neue Preise!“), auch dann würden mehr Leute die App nutzen und tatsächlich davon profitieren. Ich weiß ja auch nicht, ob ich sie wieder löschen soll oder weiter darauf bauen.

28112020-0913:M

Das größte Problem Österreichs dürfte im Moment nicht die Toten sondern die Frage sein, ob die Schisaison endlich bald losgehen kann. Und es ist jetzt schon absehbar, dass es keine sensationelle Saison würde, denn viele ausländische Gäste müssten wohl ausbleiben, wodurch um einiges weniger los wäre, was wiederum die Einheimischen wieder dazu bringen könnte, dass sie sich wieder auf die Pisten wagen, die erwartbar nicht überfüllt sind. Aber schon lange fahre ich nicht mehr Snowboard, obwohl ich es wirklich geliebt habe, denn ich frage mich wirklich, wer sich den Pistensport tatsächlich noch leisten kann. Die Natur wahrscheinlich ebensowenig.