Corona Files

Andi und Martin kämpfen gegen das Verschwinden an, so wird der private Corona-Schriftverkehr vollständig öffentlich gemacht.

23062020-0812:A

Was soll ich sagen Mann, bin depri drauf. Nicht mal mehr zornig oder so, einfach depri. Bisschen Endorphine wären wieder mal gut. Her mit dem Dope.a.min. Aber wo jetzt so auf die Schnelle? Liegt ja nun doch nicht einfach auf der Straße herum, das Zeug. Vielleicht doch und ich seh bloß nichts. Whatever.
Dieser Sommerbeginn, vielleicht hilft der. Soll ja angeblich die Zeit sein in der, der Mensch durchschnittlich betrachtet glücklicher und aktiver ist. Mal sehen. Meine Erwartungen sind nicht besonders hoch.
Zufälligerweise wurde auch ich gestern daran erinnert wie schnell alles vorbei sein kann. Hielt mich eine gewissen Zeit lang auf einem Krankenhausgelände auf. Da war viel los. Haufen Blaulicht, haufen spazierende, alte Kranke, junge Kranke, Verletzte, Humpelnde, mit Gehhilfe, ohne Gehhilfe, verbunden an den verschiedensten Körperteilen, in Verbände aus denen das Blut zum Teil schon (oder noch) leicht durchsickert.
Das ganze gebettet in einen wunderschönen Frühsommertag, untermalt von Vogelgezwitscher und Baustellengeräuschen, komplettiert mit Unmengen von jungen, feschen, schnellen StudentInnen und JungmedizinerInnen die bei der Universitätsklinik und der Forschungsstation aus und ein flitzten, schnell zur Straßenbahn, schnell mal zum Coffee to go. Egal wohin, schnell auf jeden Fall. Hauptsache schnell, die mit Krücken und die in Rollstühlen überholend. Mir war das alles zu schnell. Mir war das alles too much. Mir hat das alles, kurz gesagt, keine große Freude bereitet.

21062020-2345:M

Der Sommer hat begonnen und er ist schon fast 24 Stunden alt. Bald beginnt ein neuer Morgen, ein neuer Tag. Ich denke daran, was sich innerhalb eines Tages alles ändern kann, was unsinnig ist, denn von jeder Minute zur nächsten kann schon alles anders sein. Für eine Philosophie wäre das zu wenig, aber tatsächlich hatte ich heute zwei sehr interessante Momente. Als ich heute aus der Einfahrt rausfuhr, raste ein Auto in – so schien es – Lichtgeschwindigkeit heran und hätte ich nicht früh reagiert, hätte ich nicht reagiert oder die Bremsen meines Autos versagt, würde ich das jetzt nicht mehr schreiben. Es wäre sehr schnell vorbei gewesen, alles, alles geschah scheinbar ohne jegliche Zeit, es war nicht mal eine Sekunde. Der Autofahrer erschien mir im nachhinein wie ein Todesreiter, wie der Tod himself. Später am Tag, mit meinen Kindern am Spielplatz, habe ich es gegenteilig erfahren. Keine Ahnung, warum ich mir immer einbilde in Lederschuhen, in Sonntagsschuhen (was heute eigentlich passend war), zu Spielplätzen zu gehen und nicht zum Beispiel zu Turnschuhen greife, die ich ja auch besitze. Diese Lederschuhe besitzen nämlich normalerweise keine griffige Sohle sondern haben keinerlei Profil, eher wie Tanzschuhe, vielleicht sind es auch Tanzschuhe. Auf jeden Fall nahm ich, am Spielplatz, meine Tochter, die gerade mit Wasser spielte und ausgerutscht war, auf den Arm und wollte mit ihr auf die Seite gehen. Aber klarerweise, wie es mir schon unzählige Male auf Spielplätzen und Klettergerüsten passiert ist, rutschte ich dann ebenfalls, allerdings nur fast aus. Aber der Moment des unvollendeten Ausrutschens (ich konnte mich noch halten) dauerte gefühlt ewig, obwohl er in Echtzeit wahrscheinlich tatsächlich nur ein Moment war, höchstens einen Augenblick lang. So hätte ich mir den Aufprall des Autos vorgestellt, alles läuft nochmal vor den eigenen Augen ab, oder vielmehr im Gehirn, man beobachtet sich selbst und wie man ausgelöscht wird. In der Kombination weiß ich, es ist nur Einbildung, nur eine Wunschvorstellung. Aber wie ich wohl, am Spielplatz fast ausrutschend, für die Umstehenden ausgesehen habe? War mein Gesicht verzerrt und war der Moment für die Beobachter auch eingefroren? Und wie hätte ich nach dem Autocrash ausgesehen?

Bob Dylan hat übrigens vor 2 Tagen sein neues Album veröffentlicht, es ist fantastisch. „I go right to the edge, I go right to the end (…) Everything´s flowing all at the same time“

20062020-2130:A

Ok, jetzt mal kurz für einen Moment weg von den tagesaktuellen, gesellschaftlichen und politischen und gesellschaftspolitischen und kulturell relevanten Ereignissen, zurück zu: mir.
Ich bin seit einigen Wochen weg vom Serienschauen. Es ist, wie sich von einer Sucht befreit zu haben. Naja.
Als Ersatz schau ich jetzt im Schnitt jeden zweiten Tag einen Film. Fühlt sich gut an. Fühlt sich richtig an. Manchmal schau ich aber auch nur einen Trailer nach dem anderen an und schaue dann..auf die Uhr.. und denke mir.. uff, so spät schon. Na heute geht wohl nix mehr.. und geh schlafen. Einfach schlafen, weil – um mich eines Zitates zu bedienen, das ich erst gestern in einem Film gehört habe – wenn du tot bist, kannst du nie wieder schlafen.

19062020-2114:M

Bachmannpreis nachgehört und gesehen und kein text hat mich so richtig umgehauen, außer Westermann, weil ich mir durch die Wiederholung alles merken konnte und weil er eine irrsinnige Lust auf Gedichte macht. Vielleicht muss ich mich bewusster damit beschäftigen, mit den Texten, mit Text, vielleicht auch mit den AutorInnen. Wahrscheinlich verliert der Bachmann-Preis seinen Zauber, wenn er nicht vor Ort ist. Ist mir auch völlig unverständlich, warum die Lesungen nicht live sind, ich will doch noch den Moment des nackten Flitzers oder der subversiven Botschaften. Klar, das wird von vornherein verhindert, hätte mir auch gleich einf… hätte mir auch gleich auffallen können, dass keiner der AutorInnen so schnell das Gewand wechseln kann. Was ich sagen wollte: Für mich sind die KritikerInnen-Gespräche bisher die eigentliche Literatur oder, nein, das auch nicht, die eigentliche Unterhaltung, nein, das auch nicht, der eigentliche Reiz, das noch weiter zu verfolgen. Ja, genau.

19062020-1002:A

Wollte jetzt auch etwas über den Bachmannpreis schreiben. Nämlich erzählen, dass ich mal wieder viel zu wenig bis gar nichts darüber weiß. Ich mich nicht dazu erheben kann, mich dafür zu interessieren, obwohl sich das für einen anständigen Kulturmenschen, der ich ja unbedingt sein will, so gehören würde. Gestehen, dass ich noch keinen einzigen Text des Wettlesens gehört oder gelesen habe und nicht sicher bin, wann und ob überhaupt, ich das nachholen werde.
Aber dann wurde ich abgelenkt. Weil unsere Homepage bei der Anmeldung mal wieder sicherstellen wollte, es nicht mit einem Roboter zu tun zu haben. ‚I am not a robot‘ anklicken, reicht da nicht. Für den folgenden task habe ich mehrere Anläufe gebraucht, weil ich scheinbar nicht in der Lage dazu bin, die Bilder mit den Zebrastreifen, Ampeln, Fahrzeugen, Palmen und was nicht alles, von den Bildern ohne Zebrastreifen, Ampeln, Fahrzeugen, Palmen und was nicht alles, zu unterscheiden.
Schlussendlich dann doch geschafft, sehr schlechte Performance aber.
Ich bin also entweder ein ziemlich unfähiger Mensch, oder ein in der Imitation menschlichen Verhaltens relativ fähiger Roboter.
Darüber muss ich jetzt erstmal nachdenken. I am not a Robot, I think.

18062020-2231:M

Die Tage der deutschsprachigen Literatur, den Bachmannpreis, die #tddl (oder #tddlit) nachgesehen, zumindest das, was bislang davon da ist. Dieses Jahr kein Public Viewing mit unserer After Party im Lendhafen. Trauriger Smiley. In diesem Jahr ist alles anders, sowieso und deswegen auch beim Bachmannpreis. Wo sonst die AutorInnen und VerlegerInnen, die Groupies und zukünftigen Lesenden herumcruisen und wichtige Gespräche führen, gibt es nur Kameraschwenks über die Stadt am Wörtersee. Online, alles online, außer ein kafkaesker Kärntner am Schreibtisch und ein motiviert gekämmter Moderator Ankowitsch (wie immer sehr adrett), die durch ein trauriges Studio starren, das in schwarz gehüllt ist. Bachmannpreis trägt Trauer. Das musikalische Duo versucht durch eine offen sichtbare Schwerarbeit an Cello und Akkordeon ein wenig Bewegung in den Trauerraum zu bringen. Zugeschaltet aus ihren Wohn- und Schreibzimmern blicken die AutorInnen wenig verpixelt den Kritikern entgegen. Zumindest ich warte auf den Moment, der den diesjährigen Bachmannpreis einzigartig macht. Das könnte zum Beispiel das Verschwinden einer Autorin oder eines Autors aus dem Bild sein, das Live-Besäufnis eines Teilnehmers oder einer Teilnehmerin. Ein Mikrofon, das während dem Klogang nicht gemutet ist. Ein Flitzer im Hintergrund. Eine Selbstverbrennung. Irgendwas mit Augmented Reality. (Hier kann man noch mehr Überlegungen einsetzen) Kann ja noch kommen, die Tage der deutschsprachigen Literatur ziehen noch bis Sonntag ihre Spuren durchs Internet. Ich saß heute übrigens im Park und habe eine ältere Dame belauscht, die im Gespräch mit einer älteren Dame sehr rasch von der Erzählung über ihren Hund auf den Bachmannpreis kam und diesen in höchsten Tönen lobte. Eine Bank weiter sitzend und mithörend habe ich mich natürlich gefragt, ob sie den Bachmannpreis im linearen Fernsehen, auf ihrem SmartTV, ihrem Tablet oder ihrem Smartphone mitverfolgt und ob diese Generation eigentlich weiß, wie man für den Publikumspreis abstimmt.