Corona Files

Andi und Martin kämpfen gegen das Verschwinden an, so wird der private Corona-Schriftverkehr vollständig öffentlich gemacht.

05062020-2103:M

Endlich wieder Grenzen überschreiten. Durfte man zwar immer, aber nur mit viel Aufwand und zwei Wochen zusätzlicher Quarantäne; oder war es vielleicht doch niemals so eingeschränkt? Man weiß es nicht, das werden uns dann JuristInnen und HistorikerInnen erzählen. Auf jeden Fall darf man jetzt auch im Ausland wieder konsumieren, vorsichtig, wie es heißt, nur mit Vorsicht genießen quasi. Weil über der Grenze, das ist doch schon immer die Erzählung jeder Nation, über der Grenze ist alles ein wenig anders, schlechter nämlich. Über der Grenze nimmt man es nicht so genau, da droht … Diese Erzählung ist Teil dieses beknackten Nationalismus, der die Einigkeit gegen ein Außen für ein gesammeltes Innen braucht. Im Rahmen des Schengen-Abkommens haben die Menschen zumindest gesehen, dass ein fiktiver Strich in der Landschaft grundsätzlich nichts verändert. Es gab irgendeine Horrorserie oder einen Horrorfilm, was ich nicht gesehen habe, wo die Menschen dann plötzlich … oder war das Haushofers „Die Wand“? Ich weiß es nicht mehr. Kann mich aber noch erinnern, wie ich als Kind beim Wandern, am Berg, über die Grenze gewandert bin und dafür den Pass mithaben musste. Völlig absurd, auf über 2900 Meter rein theoretisch kontrolliert zu werden. Ebenfalls kann ich mich daran erinnern, dass wir dann auf der italienischen Seite in eine Hütte eingekehrt sind und dass ich dort die beste Pasta Asciutta meines Lebens gegessen habe. War es wegen der Anstrengung oder einfach weil italienische Gerichte natürlich in Italien am besten schmecken? Egal, ich war dort seither nie mehr, weil ich wohl zu faul war, da nochmal hinzuspazieren oder einfach, weil ich schon so lange kein Fleisch mehr esse. Allerdings ist die einzige Grenze, die jetzt noch zu ist, die Grenze zu Italien, die liegt mit dem Auto 20 Minuten entfernt und wenn sie fällt, werde ich dies sofort nutzen, um endlich wieder eine gute Pizza zu essen und Nudel einzukaufen, wie in meiner Kindheit, als wir relativ oft die Grenze überschritten und dies uns im immer gleichen Ablauf-Schauspiel eindrucksvoll vor Augen geführt werden musste, von Staatswegen.

04062020-2145:M

Ich entschlage mich. Ich notiere mir gerade all die Strategien, die Politiker und Konzernchefs, diese Gauner, anwenden, um sich der Strafverfolgung zu entziehen. Dazu gehört der Satz „Ich entschlage mich meiner Aussage“ und „Das ist mir nicht erinnerlich“ ist auch so ein Satz oder „Dazu habe ich keine Wahrnehmungen“. Oder einfach immer in die Offensive gehen, also immer gleich auf Angriff, bloß nichts zugeben, immer mit dem Finger auf andere zeigen und ablenken. Täter-Opfer-Umkehr – auch ein Kunstgriff, der offensichtlich funktioniert. Und heute habe ich gelernt, dass mittlerweile auch Corona ein legitimes und anerkanntes Mittel ist, um seine üblen Geschäfte und halblegalen Tricks nicht öffentlich eingestehen zu müssen. Der Ibiza-U-Ausschuss ist heute gestartet, hätte auch mit den Aussagen von Heidi Horten, Gaston Glock und Johann Graf starten sollen, die 3, deren Vermögen jeweils aus dirty money besteht, haben sich aber darauf rausgeredet, dass sie zur Risikogruppe gehören. Auch keine schlechte neue Ausrede: Sorry, ich bin voll Risiko. Also ich würde sie ja auch als Risikogruppe bezeichnen, allerdings als Risiko für die Demokratie bzw ein korruptionsfreies Land. Aber das ist wahrscheinlich nicht gemeint. Das Interessante daran finde ich jedoch, dass in den letzten Monaten wahnsinnig viel von Streaming die Rede war, fast jeder in mindestens einer Zoom-Konferenz war und … Niemand kommt auf die Idee, sie einfach per Video zuzuschalten?!

04062020-1126:A

‚Wenn ich groß bin werde ich Totalverweigerer‘
stand da, oder steht da immer noch, auf einem Plakat in der Bar in der wir immer schon gern uns trafen und tranken. Und wir nahmen uns den Spruch und tapezierten die Kinderzimmer unserer Kinder damit, die jetzt rebellieren gegen alles gegen jeden. Naja, eigentlich hauptsächlich gegen uns Eltern, aber auch gegen das Anziehen gewaschener Kleidung, das Schlafengehen, das Aufstehen, das Selbertragen der Schultasche usw.
Und man denkt sich, bin irgendwie stolz, that’s the spirit, Rebellion und so, aber bitte, bitte, bitte mach jetzt endlich deine fucking Hausübung und geh ins Bett. Und iss dein Gemüse!!

03062020-0940:M

Es war ein starkes Zeichen und starke Zeichen braucht es, damit etwas sichtbar wird. Black Tuesday. Die großen Labels schalteten ab, schwarze Titelseiten, sogar auf iTunes konnte man nichts mehr kaufen. Das war ja der eigentliche Zweck dieses Tages. Ein Tag Stillstand, der großteils gehalten hat. Und man hat natürlich recht, wenn man hinterfragt, ob das Umstellen eines Titelbilds etwas ändert, das macht es nicht. Bei vielen beruhigt es das Gewissen und hindert gleichzeitig tatsächliche Schritte. Als Zeichen der Solidarität taugt es aber. Ich habe auch Profile gesehen, wo auch gleich die Relativierung einsetzte: #alllivesmatter. Ja, eh, aber darum geht es gerade gerade nicht. Man unterstellt mal das Beste und greift sich trotzdem an den Kopf.

Anyway, wir wissen: Das Problem ist ja die Zeit danach, oder in diesem Fall schon „der Tag danach“. Alles ist wie immer und dieses Phänomen kennen wir ja schon. In der Zeit der Quarantäne, des großen Shutdowns schien alles möglich und dann gewöhnt man sich dran, ist ohnehin auch vom Luxus verwöhnt, und alles ist wie immer. Der Kampf ist zu Ende. Ich hoffe, dass es diesmal nicht so ist, #blacklivesmatter ist ja schon eine ältere Initiative und auch damals riss das breite Engagement irgendwann ab. Wenn man gestern sein Profilbild umgestellt hat, dann wäre es konsequent, dies solange in diesem Zustand zu belassen, bis sich tatsächlich etwas getan hat. Das kann noch länger dauern. Die Frage ist, wer wird hier durchhalten. Letztlich sitzt das establishment am längeren Ast, hat den längeren Atem und die höhere Gewalt. Und irgendwann geht es dann um Vernunft und alle tun sehr erwachsen und alles soll wieder diplomatisch gelöst werden und dann versumpft jegliche Initiative im freundlich drüber Sprechen und die stärkere Seite lacht sich ins Fäustchen. Man hat sich weichkochen lassen, allein wenn man daran denkt, mit welcher Chuzpe und Frechheit Behauptungen in den Raum gestellt werden, wie offensichtlich Macht missbraucht wird, das wird solange gemacht, bis es gar keine News mehr sind und sich die Wahrnehmungen verschoben haben.

Bei all dem ist die Frage ja: Was tun? Die Antwort ist immer: Was tun! Letztlich ist es egal was, jede und jeder eben nach seinen Mitteln. Manche haben anscheinend nur das Internet. Aber andere Taten werden folgen, diesen Glauben lasse ich mir immer noch nicht nehmen.

03062020-0915:A

Ich geb es zu, ich tu mir schwer.
Ich tu mir schwer mit Solidaritätsbekundungen auf social Media á la schwarzes jpg hochladen oder halbtransparente Landesflagge über mein Profilbild legen. Vielleicht bin ich ein schlechter Mensch, aber etwas blockiert mich darin, diesem Trend (darf man es überhaupt Trend nennen? Tut man es da nicht ab als etwas das man halt tut, weil alle es tun? Will es nicht viel eher eine ‚Bewegung‘ genannt werden?) zu folgen. Ich verfolge die Zustände, beispielsweise die, die derzeit in den U.S.A herrschen, so gut ich kann, und sie beunruhigen mich. Es macht mir Angst, mich wütend und traurig, zu sehen wie schnell es passiert und in einem sog. First-World-Country tobt ein Bürgerkrieg, ein Rassenkrieg. Es bestärkt mich darin, in jeder Situation die sich mir bietet, gegen Alltagsrassismus und soziale Ungerechtigkeit im Allgemeinen aufzutreten. Trotzdem schaffe ich es nicht diese, meine Gedankengänge in Form eines schwarzen Bildes oder eines Hashtags über social Media rauszupfeffern. Oute ich mich damit als unemphatischer , privilegierter Egoist, der nichts dazu beigetragen hat, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, weil er zu der Sache nichts auf Twitter, Insta, whatever gepostet hat? Ich weiß nicht. Ich tu mir schwer.

03062020-0009:M

Die Fliegen haben wieder Saison, sie finden ihren Weg ins Haus und sind überall. Die Ameisen sind ebenfalls wieder fleißigst unterwegs. Ich beobachte seit Tagen, wie Ameisen eine tote Spinne in meinem Keller zuerst umkreisten, dann zerlegten und seitdem Stück für Stück abtransportieren. Das wusste ich nicht, dass Ameisen Interesse an Spinnenleichen haben, erklärt aber, warum wir unzählige krabbelnde Spinnen haben, nie aber deren sterbliche Überreste. Das ist mein Bioprojekt der vergangenen Woche. Ameisen als Totengräber der Natur.

01062020-2231:M

Vielleicht mal das bigger picture und alles Pandemische mal zur Seite (wobei …), denn trotz Corona gehen in Amerika gerade massenhaft Menschen auf die Straße. #blacklivesmatter Nach der bewusst in Kauf genommenen Ermordung eines Menschen durch einen Polizisten und untätigen weiteren Polizisten als Mittäter, kocht das Thema wieder auf, das ohnehin stets vor sich hinbrodelt. Alltäglicher Rassismus und Polizeigewalt in Amerika, die überdurchschnittlich oft dunkelhäutige Menschen zum Opfer hat. Eine andere Hautfarbe zu haben, sollte kein Todesurteil sein oder mit einem erhöhtem Risiko einhergehen, Opfer von Polizeigewalt zu werden. Sowas sollte man eigentlich nicht aussprechen müssen, das sollte tatsächlich Normalität (hier passt der Begriff mal) sein. Wenn jemand am Boden liegt und sagt, dass er (oder sie) keine Luft bekommt, sollte man darauf reagieren, egal ob dort ein Unschuldiger oder ein Krimineller liegt. Todesurteile werden zwar in Amerika seltsamerweise immer noch ausgesprochen, aber niemals durch die Polizei. Und George Floyd, der vor der Handykamera und unter dem Knie des Polizisten Derek Chauvin, minutenlang seinem Tod entgegenblickte, war alles andere als ein Schwerverbrecher. Aber solche Gewalt hat System, rassistisch motivierte Taten gibt es regelmäßig, Diskrimierung von Menschen, die anders aussehen (wobei das „anders“ immer von einer weissen, heterosexuellen Sicht ausgesprochen wird), unzählige Menschen dunkler Hautfarbe kamen in den letzten Jahren zu Tode, einfach weil sie dunkelhäutig waren und damit etwas getriggert wird. Das sind Facts, die andere besser zusammenfassen können.

Aber was mir heute schon den ganzen Tag beim Lesen eines Romans durch den Kopf schwebt, ist, dass kein einziger der Protagonisten in den Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, jemals dunkelhäutig war. Außer es waren Bücher, in denen der Protagonist explizit dunkelhäutig war, als solcher beschrieben wurde und letztgenannte Bücher beschäftigten sich stets mit Unterdrückung und Rassismus, als ob kein anderes Leben vorstellbar wäre. Die Frage geht jetzt letztlich an mich, warum ich mir niemals bei all den Romanen eine dunkelhäutige Figur vorgestellt habe. Warum kann ich mir selbst Jesus nicht anders als hellweiß vorstellen, obwohl man weiß (ich, weiß), dass er mit Sicherheit ganz anders aussah? Das beschäftigt mich gerade. Warum gönne ich das ausschweifend coole Leben der Figur im Roman, den ich gerade lese, nicht einem dunkelhäutigen Menschen?

31052020-2224:M

Ach, all die Bilder, die unsere Zeit prägen. Es sind befremdliche Bilder, die archiviert werden müssen. Es sind keine Bilder von Krankenstationen, eher Bilder, die eine gewisse psychische Präposition zeigen. Ich werde sie hier nicht reproduzieren. Ich will ein weiteres aber beschreiben. Es ist das Foto (und zugehörigem Interview oder umgekehrt) vom Wirtschaftskammer-Chef (und ÖVP-Politiker und Unternehmer und Obmann der SVA und Präsident des WIFOs und Präsident der OeNb und was eigentlich noch alles?). Er steht in einem Weinkeller und hält eine große Flasche in der Hand. Dazu im Interview die Anregung, man solle nun wieder genießen. Auch hier könnte man dem Fotografen oder diesem Politiker selbst Zynismus vorwerfen. Während Kleinunternehmer und EPUs ums Überleben kämpfen, geht es diesem Politiker natürlich ums Genießen, ganz uneigennützig, denn so fördere man ja die lokale Wirtschaft. Deswegen schafft man jetzt auch die Schaumweinsteuer ab, darauf stoßen wir an. Man wüsste ja gerne, was der witzige Kerl mit den unübersichtlich vielen Jobs und Positionen im Monat verdient, wobei das braucht man gar nicht zu wissen, um zu ahnen, wie weit er schon von der Realität entfernt ist. Er lieferte schon am Opernball ein interessantes Interview in einer Loge ab, wo er davon sprach, wie sparsam mit den Mitteln umgegangen würde, weil sie ja nur Mineralwasser in ihren Logenplatz bestellt hätten, österreichisches Mineralwasser natürlich, wohlgemerkt. Das aktuelle Foto ist vielleicht das Pendant zu dem Marie Antoinette zugeschriebenen Ausspruch „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!“. „Wenn man kein Geld hat, soll man sich einfach eine Flasche guten Wein gönnen.“ Anders hält man das alles sowieso bald nicht mehr aus, Schönsaufen kann man sich das Ganze aber nicht.