Corona Files

Andi und Martin kämpfen gegen das Verschwinden an, so wird der private Corona-Schriftverkehr vollständig öffentlich gemacht.

Marathon-Lesung aller Files:
5. September 2020, ab 10 Uhr in der Galerie Freihausgasse Villach und als Online-Stream:
https://youtu.be/aq1eoVSFUwE

15092020-0101:M

Ich habe heute übrigens eine unglaublich seltsame Email bekommen und zwar von mir an mich selbst, ich habe sie aber nicht geschrieben. Darin, sinngemäß, ich wäre gehackt worden, mein Router, Computer irgendwas, alle Adressen abgegriffen, alle Dateien, Quark, ich sei ein Perverser („Ich meine – du bist ein großer Perverser. Du hast eine ungezügelte Fantasie!“), es gäbe Screenshots meiner besuchten Websites, die ganz exlizit arg pervers seien und ich solle auf ein bitcoin-Konto € 399,- überweisen („Ich denke, 399 € sind ein sehr kleiner Betrag für mein Schweigen. Außerdem habe ich viel Zeit mit dir verbracht!“). 24 Stunden hätte ich Zeit, die Uhr tickt mit öffnen der Mail. Räusper. Ich glaube, das soll eine Drohung sein. Nun ist es nicht so, dass ich nicht auch meine Quellen für pornographisches Material hätte, aber 1. so arg finde ich das gar nicht (Ich kann empfehlen: Erica Lust) und 2. eigentlich schau ich da viel zu selten rein. Es gibt aber anscheinend nicht nur Screenshots sondern auch anzügliche Webcam-Fotos von mir allein komprimittiert (oder komprimiert?) vorm Computer. Das kann ich fast ausschließen. Ist aber ohnehin schon wieder obsolet, weil gerade kam eine andere Mail, darin werden nunmehr £3,960.00 GBP gefordert, auch mein Smartphone wäre nämlich gehackt. Die bitcoin-Adresse ist jedoch eine andere. Also wenn sich jemand angesprochen fühlt, kann ich gerne die bitcoin-Adressen (oder sind das Codes?) weitergeben, damit man seine Schuld, seine Perversität ausgleichen kann.

Darüber hinaus kann ich übrigens folgende Website empfehlen, um mal nachzusehen, ob eine Mailadresse mal von einem Datenleck (pervers!) betroffen war: https://monitor.firefox.com . Nur falls man sich mal wundert, warum man sich selbst Erpressungsmails schreit.

14092020-2236:M

Man glaubte, es sei vorbei. Vielmehr: Man wollte so gerne daran glauben, aber es war eigentlich die letzten Wochen, eigentlich Monate schon klar: Die Zahlen werden wieder steigen. Die Zahl der Reiserückkehrer aus anderen Ländern, die Zahl der Unvernünftigen, die Zahl derer, die sich an keine Empfehlungen mehr halten, die Zahl der Infizierten, die Zahl der Kranken, die aber letztlich negativ getestet werden, weil natürlich im Herbst auch andere Krankheiten auftauchen, mit ähnlichen Symptomen, wie man sie auch von Covid-19 kennt. Kenn ich, kennen wir.

Heute am ersten Schultag lief alles halbwegs geordnet ab, auch wenn offensichtlich vermieden wird, dass sich zuviele SchülerInnen gleichzeitig treffen. Der Schulwart sprühte mir Desinfektionsmittel in die Hände. Ein Professor hüpfte fast von mir weg. Warum ich in der Schule war? Meine Zweitgeborene ist nun auch im Gymnasium. Es geht wirklich schnell. Time flies when you´re having fun. Nun zwei meiner Kinder, die sich durch den Schulwahnsinn schlängeln, in der Früh immer mit dem ersten Gebot: Outfit muss passen, erst danach kommt die Wiederholung der Vokabeln. Wird schon alles gut gehen und wenn nicht, wiederholt man halt ein Jahr. Hat zur Zeit auch eine andere Bedeutung. Vielleicht sollte man das Jahr 2020 einfach wiederholen, dann, wenn wieder alles okay ist.

13092020-1045:M

Es ist ein wenig ein Witz, wenn man darüber nachdenkt, dass COVID-19 die Welt so richtig im Jahr 2020 trifft. Ich würde ja eine Umbenennung vorschlagen, weiß aber nicht, ob das so einfach möglich ist oder ob die WissenschaftlerInnen da einem strengen Bezeichnungssystem unterliegen. Mein Vorschlag wäre COVID-20/21 – mal als realistische Abschätzung. Ich weiß aber gar nicht, ob diese Benennung überhaupt halten würde.

Es ist ein wenig ein Witz, aber ich habe einen sehr eigenartigen Humor. Eigentlich ist gar nichts daran lustig, und völlig ernst gemeint.

11092020-1756:M

Jetzt sind wir getestet worden. Alle 5 Bewohnerinnen des gemeinsamen Haushalts. Die Hotline hat uns glücklicherweise eine mobile Testunit zugeteilt. Das ging schnell. Andere Möglichkeit wäre gewesen, alle ins Auto zu setzen und zum Wörther See-Stadion zu fahren und sich dort in den Testcorso einzureihen. Nicht dass wir davon ausgehen würden, dass wir tatsächlich an einer Covid-19-Erkrankung laborieren, aber sicher ist sicher. Sagte auch die Hotilne. Schließlich geht am Montag die Schule wieder los. Und niemand ist sich sicher, ob man hustende Kinder (und Jugendliche) derzeit einfach so in die Schule schicken sollte. 

10092020-1647:M

Wie erwartet. Moria ist abgebrannt, wirklich Hilfe nicht zur Hand. Maikäfer fliegt, denkt man sich, der Vater ist im Krieg, weiß man, die Mutter ist in Feindeland, das Heimatland ist abgebrannt. So schlafen die Kinder von Moria ein und wenn sie erwachen, ist nichts besser. Man könnte helfen, man müsste helfen, aber die Politik schläft. 

10092020-1356:M

Alle fühlen sich krank, ich hoffe, es ist bald vorbei. Ängste schleichen sich ein, erste Verbesserungen evozieren das esoterische Verschlimmbesserung. Ich bin mir nicht sicher, wohin es nun geht. Definitiv ist etwas in uns allen. Defitinitv ist es sehr ansteckend. Und die Symptome schreien etwas mit C. Wir versuchen uns über den Tag zu retten mit Vitamin C, Serien-Binge-Watching, Schlafen und der Hoffnung, dass es am nächsten Tag besser sein wird. 

09092020-0809:M

Nun hat es mich auch getroffen. Kopfschmerzen und Husten, Halsweh vor allem. Bei mir schlägt immer alles auf den Hals. Vielleicht spreche ich deswegen immer so leise und undeutlich, denke ich mir, weil mein Hals tatsächlich immer anschlägt, wenn etwas nicht stimmt. Manche bekommen Bauchschmerzen oder andere Symptome, bei mir ist es immer der Hals. Bei mir schnürt es immer erst den Hals zu. Ich sehe das als Zeichen. Deswegen bin ich so vorsichtig beim Sprechen, weil in meinem Hals – vor allem auch beim Sprechen – der Schmerz sitzt. 

08092020-2358:M

Moria brennt. Das unwürdige, menschenunwürdige Großlager für Flüchtlinge (oder gegen Flüchtende) brennt. Die Politik kneift die Augen zu und verweist darauf, dass die Bewohner (das ist schon zynisch) das Feuer selbst gelegt hätten. Wenn es so ist, haben die Eingesperrten nun das Bild sichtbar gemacht, das Moria immer schon war: Eine Hölle. Lodernde Flammen wie Konflikte. Wr könnte den Flüchtenden – den Schutzsuchenden auch, eigentlich – verdenken, dass sie da raus wollen, dass sich das letztlich entladen hat, in einem Großbrand, der nun alles in den Flammen verschlingt. Man weiß jetzt schon, was in den nächsten Tagen formuliert werden wird: Grenzen trotzdem zu, die Flüchtigen seien selbst Schuld. Hilfe wird geschickt, natürlich, allerdings nur „runtergeschickt“, die sollen uns bloß fernbleiben, diese 13.000 Schmarotzer, die uns überrennen wollen. Es wäre einfach, zu helfen. Es wäre einfach, zu sagen, jedes europäische Land  nimmt ein paar, zwischen 100 und 2000 Menschen auf, und die wären alle raus, aus der Hölle. Was man jetzt schon im Echo hört, ist allerdings, dass nicht geholfen wird, nicht geholfen werden kann, keinesfalls, weil wo kämen wir denn da hin, weil dann schon die nächsten … und so weiter. Mögen all jene in der Hölle schmoren, die die Macht hätten, aber sich trotzdem darauf berufen, dass man nicht helfen dürfe, weil sonst jeder kommen könnte. Undsoweiter. Wo bleibt die Humanität? (Rhetorische Frage) Sie bleibt auf der Strecke, auch am Fluchtweg.

08092020-1107:M

Was soll ich sagen… Uns hat es getroffen. Die Kinder sind krank, leider mit Symptomen wie Husten und Fieber. Das kann natürlich alles sein. Es könnte aber auch … davon gehen wir aber nicht aus. Es ist nervig, es ist unangenehm, aber so richtig, so richtig richtig schlimm ist es auch nicht. Niemand hat über 39 Grad Fieber, niemand hat seinen Geruchssinn verloren. Wir alle riechen die Öko-Raumsprays, die von S. Versprüht werden und den perlenden Klogeruch („Ocean“).