Corona Files

Andi und Martin kämpfen gegen das Verschwinden an, so wird der private Corona-Schriftverkehr vollständig öffentlich gemacht.

29052020-1325:M

Eigentlich ist es schon etwas larmoyant, wie über die Krise gesprochen wird. Uns haben so umfassende Ereignisse in den letzten 80 Jahren zwar selten getroffen, aber rund um die Welt passieren ständig Katastrophen nach denen die Menschen vor dem Nichts stehen. Und es geht doch weiter und es wird wieder aufgebaut. Das soll jetzt gar nicht positiv klingen oder relativierend, aber wenn man dran denkt, wie Tsunamis, Tornados, Erdbeben, Kriege regelmäßig die Erde in Teilen verwüsten und lokal alles wieder ins Laufen kommt, so kann man rein faktisch und praktisch nun argumentieren: Wann, wenn nicht jetzt, wo wirklich die gesamte Welt mit der gesamten Wirtschaft am Boden liegt, kann man es schaffen, alles wieder aufzubauen, neu zu bauen. Und überlegt weiter zu bauen, denn absehbar wird es zunehmend mehr weltweite Krisen geben, abzusehen ist, dass der Klimawandel überall auf der Welt Wetterphänomene ins Extrem treiben wird. Da könnte man jetzt vorbauen und dabei ein wenig mehr relaxed sein, sich Zeit nehmen und es endlich mal wieder richtig machen.

29052020-0909:M

Jetzt mal ernsthaft. Heißt das nun Mund-Nasen-Schutz oder Mund-Nase-Schutz? Was wäre korrekt? Dieses Unwort kennt der Duden noch nicht. Dort findet man bei der Suche nur die Stichwörter „Blutsturz“, „Schnorchel“ und „Rüssel“. Der Mensch hat in der Regel ja zwei Ohren, zwei Augen, zwei Augenbrauen, zwei Wangen, aber nunmal nur einen Mund (wie im Begriff korrekt geschrieben) und nur eine Nase (was im Begriff allerdings unverständlicherweise in den Plural gesetzt wird), die allerdings zwei Nasenlöcher hat. Vielleicht wäre es also eher der Mund-Nasenlöcher-Schutz? Oder eben doch der Mund-Nase-Schutz! Seltsamerweise gibt es aber Mundspray (EZ) und Nasenspray (MZ). Beides sind Sprays, die man ungern weitergibt, also werden jeweils nur von einer Person benutzt. Es gibt die Nasenscheidewand und die Nasenschleimhaut, aber eben nur in jeweils einer Nase. Oder es gibt den Hals-Nasen-Ohren-Arzt bzw – Ärztin und auch hier ist die Unschärfe eingeschrieben, weil man hat einen Hals (EZ), zwei Ohren (MZ) und eine Nase (EZ), die aber vervielfacht wird. Und so weiter und so weiter. Ich könnte noch einige Beispiele nennen. Achte mal darauf. Welches Unbehagen fühlt die Menschheit, dass von der einen Nase immer im Plural geschrieben und gesprochen wird? Das möge man mir mal erklären, vielleicht lernt man das im Medizinstudium, aber eine so lange Ausbildung in meinem Alter traue ich mir nicht mehr zu.

29052020-0808:M

Ich hatte die ganze Nacht seltsame Träume, schon der gestrige Tag war durchzogen von größter Müdigkeit und Halbschlaf. Vielleicht bin ich der Realität etwas entrückt oder auf dem Weg dorthin. Das löst ein interessantes Phänomen aus: alles, was ich anschaue, bekommt einen Filter, einen Maskenfilter. So ging es mir bei „Bobo – der Siebenschläfer“, ein Cartoon, von dem ich eine Folge mit meiner Tochter angeschaut habe. Bobo geht zum Kinderarzt, alle kommen sich viel zu nahe, mein Gehirn setzt nun allen automatisch einen Mund-Nase-Schutz auf, dem Doktor wird ein Faceshield in sich Gesicht addiert. Ich weiß, es ist nicht wirklich da, aber ich sehe es ergänzt. Auch bei David Lynchs Mullholland Drive haben plötzlich alle Masken auf, das macht gerade bei Lynch den Film noch seltsamer. Aber auch die Nachrichtensprecher, Reporter und die Politiker im Parlament (ZIB) werden durch Schutzschilder überlagert, das geht soweit, dass auch Plexiglasscheiben von mir – offensichtlich – in die Bilder reinretuschiert werden. Vielleicht weil gerade im Parlament eine ungeheure Undisziplin herrscht und nur jeder Dritte sich ein Faceshield-Gestell auf sein Gesicht gesetzt hat. Ich werde das weiter beobachten, vielleicht lässt sich daraus eine Erkenntnis für die Gehirnforschung gewinnen, oder für die Psychologie.

28052020-1705:A

Tut mir leid. Leider zwei Angelegenheiten bei denen ich nicht mitreden kann.
. sich mit Freunden in Lokalen auf ein Bier treffen.
. Desinfektionsmittel.
Trinke leider kein Bier, schlecht für meinen Magen. Das macht mich zu einer, in den meisten sozialen Situationen, absolut unbrauchbaren Person. Ähnlich den Menschen die keinen Kaffee trinken.
Desinfektionsmittel macht mir seit längerem Angst. Seit ich irgendwann, irgendwo gelesen habe, dass der übermäßige Gebrauch von Desinfektionsmitteln, wie er in unsere Gesellschaft seit einigen Jahren betrieben wird, zur Bildung superresistenter Megakeime führen kann. Und gegen die hilft dann gar kein Mittel mehr. Ich weiß also nicht was davon mein Todesurteil sein wird, entweder dass ich selber kein Desinfektionsmittel verwende, oder dass die anderen alle es schon tun. We’ll see.

28052020-1314:M

Ist dir schon aufgefallen, dass Desinfektionsmittel anders riechen? Immerhin sind sie langsam wieder verfügbar, aber gerade der Geruch von Handdesinfektionsmittel, die ich seit Jahren schon exzessiv nutze, ist ein anderer. Dieses cleane, leicht stechende Aroma ist weg. Für mich ist damit sofort die Effizienz in Frage gestellt. Es fühlt sich nicht mehr rein an. Es riecht nach Waldbodenerde oder Ökoputzmittel, leicht nach Essig. Ich verabscheue das. Und in den Läden stehen für die Kunden Dispenser bereit, die nach Schweißfuß stinken. Werden wir jetzt alle zu stinken anfangen, zum Preis, dass wir – angeblich – entvirt sind?

28052020-1212:M

Es fliegt, es fliegt, es fliegt … immer noch der Blütenstaub und setzt sich auf alles. Mit dem schlechten Wetter, das für die nächsten Tage angekündigt ist, wird sich das aber hoffentlich dann etwas bessern. Was sich aber nicht bessern wird: Die ganzen Airlines fliegen wieder, die Flugzeuge fliegen wieder herum und transportieren mit enormen Aufwand und viel Treibstoff die Aktenträger und all jene, die sich jetzt noch einen Urlaub in einem Fernziel leisten können. Beides liegt aber mir fern.

27052020-2143:M

Es wäre eine kleine Premiere gewesen, es hätte sich wahrscheinlich so angefühlt, die Vorfreude war groß. Ich wollte mich heute Abend erstmals seit Monaten in einem Lokal mit einem Freund treffen, um zumindest ein, wahrscheinlicher aber zwei Bier zu trinken. Dazu kam es nicht, ich sitze immer noch am Sofa. Ich hatte mich schon angezogen gehabt, dann kam allerdings der Anruf, dass das erste Lokal geschlossen sei, kurze Zeit später der Anruf, dass auch das zweite Lokal geschlossen sein, und auch das nächste war schon geschlossen. Wohlgemerkt unter der Woche vor 22 Uhr. Das ist die Kleinstadt und die ist halt dieses furchtbare Mittelding. Am Land hätte das Dorfgasthaus ganz sicher noch geöffnet, würde doch das halbe Dorf dort sitzen und sich niedertrinken, in der Großstadt gäbe es auch genug Möglichkeiten. Ich aber sitze in der Kleinstadt, auf meinem Sofa, und gehe jetzt dann in den Keller um mir ein Bier zu holen. Und das ist auch das Problem der Kleinstadt, also nicht, dass ich mir das Bier aus dem Keller hole, sondern weil es letztlich dazu führt, dass alle nur noch bei sich daheim herumsitzen, bei sich daheim das Trampolin in den Garten stellen, den Swimmingpool, undsoweiter, das hat man dann alles daheim, weil man weiß, dass man genau dann, wenn man es will, die Kleinstadt schon zu hat. Das war schon vor Corona so. Schlimmerweise wird das auch immer so bleiben.

26052020-1848:M

„Mann stehend in gelber Jacke. Frau stehend in schwarzer Kleidung, Blick zu Boden“ Ich mache mir gerade ein Vergnügen daraus, mir die Online-Zeitungen und vor allem deren Bilder vorlesen zu lassen. Das geht tatsächlich, ein Feature für all jene, die nicht sehen können. Manchmal sind die Beschreibungen zu fad und ich denke mir selber welche aus. Ich denke, das ist die Zukunft, alles zu beschreiben, alles beschreibbar zu machen. Dann würde alles als Text lesbar sein.